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Plenarrede zur Antrag "Nordrhein-Westfalen und Polen. Gemeinsam Erinnern und an der Zukunft Europas bauen"

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr verehrten Damen und Herren!

 

Am 1. September 1939, also vor etwa 81 Jahren, überfielen Streitkräfte des Deutschen Reiches unprovoziert und völkerrechtswidrig Polen. Damit markierten sie den Beginn des Zweiten Weltkriegs und stürzten Europa und die Menschen auf unserem Kontinent, aber auch darüber hinaus in Elend und Chaos.

 

Damals hätte es sicherlich niemand für möglich gehalten, dass wir heute, 81 Jahre später, im Landtag von Nordrhein-Westfalen die deutsch-polnische Freundschaft beschreiben, würdigen und insbesondere weiterentwickeln wollen.

 

Die Versöhnung ist durchaus ein Geschenk, ein von Generationen von Menschen aus Polen, Deutschland und Nordrhein-Westfalen kontinuierlich erarbeitetes Geschenk der Aussöhnung.

Aus der Erfahrung unbeschreiblichen Leids – Tod, Verfolgung, Vertreibung – und in der Überwindung des Eisernen Vorhangs haben Menschen mit Zuversicht eine Annäherung, ein Verständnis und eine Versöhnung in der Mitte Europas erreicht. Diesen Menschen gilt unser Dank.

 

Wir feiern heute ein dreifaches Jubiläum. Am 17. Juni 1991 wurde der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag unterzeichnet. Wenig später – im gleichen Jahr – wurde das sogenannte Weimarer Dreieck aus Deutschland, Polen und Frankreich und vor 20 Jahren das regionale Weimarer Dreieck aus Nordrhein-Westfalen, der Woiwodschaft Schlesien und der französischen Region Hauts-de-France gegründet.

 

Diese länderübergreifende Zusammenarbeit lohnt, auch weil Menschen in Verbindung gebracht werden und in Verbindung sind. Allein in Nordrhein-Westfalen leben – das ist gerade schon gesagt worden – 790.000 Menschen mit polnischem Migrationshintergrund. Das sind 4,3 % der Einwohner unseres Bundeslandes. 600 Kinder lernen jeden Tag Polnisch in der Schule, und die Migration nach Nordrhein-Westfalen und insbesondere in das Ruhrgebiet prägt unser Land seit Jahrzehnten – man denke nur an Klein-Warschau in der ehemaligen Klosterstraße in Bochum. In Bochum waren die meisten polnischen Einwanderer in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts anzutreffen.

 

Den Menschen, die dies möglich gemacht haben, gebührt unser Respekt. Sie engagieren sich in Gemeinden, in Vereinen, in Verbänden, in der Zivilgesellschaft in unserem Land Nordrhein-Westfalen und sind von hier auch nicht mehr wegzudenken.

 

Wir wollen aus der gemeinsamen Vergangenheit auch gemeinsame Zukunft gestalten. Anselm Grün hat einmal gesagt: „Wer seine Wurzeln kennt, kann wachsen.“ Deshalb ist uns auch eine Erinnerungskultur wichtig. Sie bleibt unsere Aufgabe. Das unterstrich übrigens auch NRW-Integrationsminister Dr. Stamp bei der Vereinbarung zur Sanierung des Dom Polski, des polnischen Hauses in Bochum.

 

Es gibt aber auch ein großes Interesse an der Zusammenarbeit zwischen Nordrhein-Westfalen und Polen in der Gegenwart. Viele Kommunal- und Schulpartnerschaften sowie das zivilgesellschaftliche Engagement in Vereinen und Verbänden – auch heute ganz aktuell – belegen das. Wir stellen daher vor dem Hintergrund des heutigen Jubiläums des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags – die Erneuerung wurde vorhin anlässlich der Delegation unterstrichen – die Bemühungen um die Vermittlung von Kenntnissen über unsere wechselvolle Geschichte und auch den gemeinsamen Gestaltungswillen für Freiheit, Frieden und Wohlstand auf unserem Kontinent heraus.

 

Wir möchten weiterhin das ehrenamtliche Engagement aller Menschen mit vielfältigen Formaten unterstützen, die die deutsch-polnische Nachbarschaft mit Leben füllen. Die deutsche Minderheit in Polen wie auch die Gemeinschaft der polnischstämmigen Menschen sowie Polinnen und Polen in Deutschland sollen ihre Kultur und ihre Identität weiterhin pflegen und leben. Das dreifache Jubiläum ist ein guter Anlass dazu, dieses noch einmal zu unterstreichen.

 

Die Einrichtungen von Heimatverbliebenen, Heimatvertriebenen, Aussiedlern und Spätaussiedlern als auch die Einrichtungen der Polonia werden weiterhin bei ihren Transformationsprozessen unterstützt. Die Patenlandsmannschaft der Oberschlesier und ihre Institutionen wollen wir aktiv in die Regionalpartnerschaft mit der Woiwodschaft Schlesien einbinden.

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen, unsere Geschichte und die Aussöhnungsarbeit der Generationen unserer Väter und Mütter gebietet uns, die Chance auf und die Arbeit für eine gemeinsame Wertegemeinschaft und – vielleicht ist das gerade aktueller denn je – für Frieden, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit im Herzen Europas zu nutzen. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.